Bewertungsstandard KFS/BW 1
In Österreich ist der KFS/BW 1 der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer (KSW) der maßgebliche Standard für Unternehmensbewertungen. Er definiert die anerkannten Bewertungsverfahren und methodischen Anforderungen, die insbesondere bei gerichtlichen, steuerlichen und gesellschaftsrechtlichen Bewertungsanlässen einzuhalten sind.
Im Gegensatz zum deutschen IDW S1 betont der KFS/BW 1 stärker die Objektivierung des Unternehmenswertes und empfiehlt primär das Ertragswertverfahren sowie das DCF-Verfahren. Marktbasierte Verfahren (Multiple-Bewertung) werden als ergänzende Plausibilisierung anerkannt.
EBITDA-Multiples im österreichischen Markt
Die Bewertungsmultiples in Österreich unterscheiden sich leicht von den deutschen Pendants. Der kleinere Markt und die geringere Transaktionsliquidität führen zu einem Abschlag von 5–15 % gegenüber vergleichbaren deutschen Unternehmen.
| Branche | Multiple-Range (EBITDA) | Median |
|---|---|---|
| Industrie & Fertigung | 4,5–7,0× | 5,5× |
| IT & Software | 8,0–14,0× | 10,5× |
| Bau & Immobilien | 4,0–6,5× | 5,0× |
| Handel & Konsumgüter | 4,5–7,5× | 5,5× |
| Gesundheit & Pharma | 7,0–12,0× | 9,0× |
| Tourismus & Gastronomie | 4,0–6,0× | 4,5× |
| Energie & Umwelt | 6,0–10,0× | 7,5× |
Quelle: Marktbeobachtung M&A-Transaktionen Österreich 2024–2026, eigene Analyse.
Steuerliche Besonderheiten in Österreich
Die steuerliche Behandlung unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von Deutschland und beeinflusst die Unternehmensbewertung direkt:
- Körperschaftsteuer 23 % – Seit 2024 beträgt die KöSt in Österreich 23 % (zuvor 25 %). Zusammen mit dem Fehlen einer Gewerbesteuer ist die effektive Steuerbelastung niedriger als in Deutschland (ca. 30 %).
- Keine Gewerbesteuer – Im Gegensatz zu Deutschland existiert in Österreich keine Gewerbesteuer. Dies vereinfacht die Bewertung und erhöht den Nachsteuer-Cashflow.
- Firmenwert-Abschreibung bei Asset Deals – Der Käufer kann den Firmenwert (Goodwill) bei einem Asset Deal über 15 Jahre steuerlich abschreiben, was den Barwert des Steuervorteils in die Kaufpreisfindung einbezieht.
- Gruppenbesteuerung – Österreichs Gruppenbesteuerung ermöglicht die Verrechnung von Gewinnen und Verlusten innerhalb einer Unternehmensgruppe ab einer Beteiligung von 50 % (finanziell).
- Immobilienertragsteuer (ImmoESt) – Bei Asset Deals mit Betriebsgrundstücken fällt die ImmoESt von 30 % auf den Veräußerungsgewinn an.
Asset Deal vs. Share Deal in Österreich
Die Wahl der Transaktionsstruktur hat in Österreich erheblichen Einfluss auf die Bewertung und den effektiven Kaufpreis:
| Kriterium | Asset Deal | Share Deal |
|---|---|---|
| Firmenwert-AfA | 15 Jahre | Nein |
| ImmoESt auf Grundstücke | 30 % | Nein |
| Haftungsrisiko | Begrenzt | Vollumfänglich |
| Vertragsnachfolge | Einzelübertragung | Automatisch |
| GrESt | 3,5 % | 0,5 % (Anteilsvereinigung) |
M&A-Markt Österreich
Der österreichische M&A-Markt verzeichnet jährlich rund 200–300 Transaktionen im Mittelstand. Besonders aktive Sektoren sind Industrie, IT-Dienstleistungen, Gesundheitswesen und Tourismus. Die Nachfolgethematik ist in Österreich ähnlich akut wie in Deutschland: Rund 30.000 KMU stehen in den nächsten fünf Jahren vor einem Generationswechsel.
Wichtige Akteure im österreichischen M&A-Markt sind die Industriellenvereinigung (IV), die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), spezialisierte M&A-Boutiquen sowie zunehmend deutsche und internationale PE-Fonds, die den DACH-Raum als einheitlichen Markt betrachten.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist der KFS/BW 1 Standard?
Der KFS/BW 1 ist der Fachgutachten-Standard der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer (KSW) in Österreich für Unternehmensbewertungen. Er basiert auf dem Ertragswertverfahren und dem DCF-Verfahren und ist der maßgebliche Standard für gerichtliche und steuerliche Bewertungsanlässe in Österreich. Im Gegensatz zum deutschen IDW S1 betont der KFS/BW 1 stärker die Objektivierung des Unternehmenswertes.
Welche EBITDA-Multiples gelten in Österreich?
Die EBITDA-Multiples im österreichischen Mittelstand liegen typischerweise zwischen 4,0× und 8,0× EBITDA, abhängig von Branche, Größe und Wachstumsprofil. Industrieunternehmen werden mit 5,0–7,0× bewertet, IT- und Softwareunternehmen mit 8,0–14,0×, Dienstleister mit 5,0–8,0×. Im Vergleich zu Deutschland sind die Multiples in Österreich tendenziell 5–15 % niedriger, was die kleinere Marktgröße und geringere Liquidität reflektiert.
Welche steuerlichen Besonderheiten gibt es bei einer Unternehmensbewertung in Österreich?
In Österreich beträgt die Körperschaftsteuer (KöSt) 23 % (seit 2024, zuvor 25 %). Bei der Bewertung sind die Gruppenbesteuerung (steuerliche Organschaft), die Immobilienertragsteuer (ImmoESt) bei Betriebsgrundstücken und der Firmenwert-Abschreibung über 15 Jahre bei Asset Deals zu berücksichtigen. Zudem kennt Österreich keine Gewerbesteuer, was die Steuerbelastung gegenüber Deutschland grundsätzlich niedriger ausfallen lässt.
Wie unterscheidet sich ein Asset Deal in Österreich von Deutschland?
In Österreich kann der Käufer bei einem Asset Deal den Firmenwert (Goodwill) über 15 Jahre steuerlich abschreiben – ein wesentlicher Vorteil gegenüber einem Share Deal. In Deutschland hingegen ist die Firmenwert-Abschreibung nur über 15 Jahre bei Personengesellschaften möglich. Zudem unterliegen in Österreich Betriebsgrundstücke der Immobilienertragsteuer (ImmoESt) von 30 %, was bei der Kaufpreisallokation berücksichtigt werden muss.
Wann ist eine Unternehmensbewertung nach KFS/BW 1 zwingend erforderlich?
Eine Bewertung nach KFS/BW 1 ist in Österreich erforderlich bei gerichtlichen Auseinandersetzungen (z. B. Gesellschafterausschluss nach GesAusG), bei Squeeze-out-Verfahren gemäß GesAusG, bei Verschmelzungen und Spaltungen nach UmwG, bei steuerlichen Bewertungsanlässen (z. B. Wegzugsbesteuerung) sowie bei der Bestimmung des Abfindungsanspruchs nach dem Übernahmegesetz (ÜbG).