Proprietärer Deal Flow vs. Auktionsprozess: Vor- und Nachteile für Investoren
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Proprietärer Deal Flow vs. Auktionsprozess: Vor- und Nachteile für Investoren

Proprietärer Deal Flow oder Auktionsprozess? Ein detaillierter Vergleich der beiden Sourcing-Strategien für PE-Fonds und Corporates im DACH-Mittelstand.

SourcingClub··6 Min. Lesezeit

Die zentrale Frage für jeden Investor

Soll ein PE-Fonds oder Corporate-Käufer in den Aufbau von proprietärem Deal Flow investieren — oder reichen strukturierte Auktionsprozesse über M&A-Berater aus? Die Antwort ist differenzierter als ein einfaches Entweder-oder, aber die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Investoren, die systematisch proprietären Deal Flow aufbauen, erzielen nachweislich bessere Einstiegsbewertungen, haben mehr Zeit für die Due Diligence und verhandeln aus einer stärkeren Position heraus.

Gleichzeitig wäre es naiv, Auktionsprozesse pauschal abzulehnen. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung — entscheidend ist die richtige Gewichtung. Dieser Artikel vergleicht beide Sourcing-Strategien anhand konkreter Daten und zeigt, wann welcher Ansatz überlegen ist. Für Investoren, die ihre Strategie im DACH-Mittelstand schärfen wollen, ist das Verständnis dieser Dynamiken essenziell.

Was unterscheidet proprietären Deal Flow von Auktionsprozessen?

Proprietärer Deal Flow entsteht, wenn ein Investor Akquisitionsziele eigenständig identifiziert und direkt anspricht — ohne Intermediär, ohne Bieterwettbewerb. Die Transaktion kommt bilateral zustande: ein Käufer, ein Verkäufer. Der Investor hat das Target gefunden, bevor es auf dem offenen Markt erscheint, und verhandelt exklusiv. Proprietärer Deal Flow ist das Ergebnis systematischer Deal Origination: datengestütztes Market Mapping, Netzwerkpflege, Direktansprache und langfristiger Beziehungsaufbau.

Auktionsprozesse werden typischerweise von M&A-Beratern oder Investmentbanken initiiert. Der Verkäufer mandatiert einen Berater, der das Unternehmen strukturiert an mehrere potenzielle Käufer vermarktet. In der Regel werden 20 bis 50 Parteien angesprochen, von denen 5 bis 10 ein indikatives Angebot abgeben und 2 bis 4 in die finale Runde gelangen. Der Prozess ist standardisiert, zeitlich komprimiert und darauf ausgelegt, durch Wettbewerb den maximalen Kaufpreis zu erzielen.

Die Abgrenzung ist in der Praxis fließend: Manche Transaktionen starten als proprietärer Dialog und werden vom Verkäufer in einen kompetitiven Prozess überführt. Umgekehrt können gescheiterte Auktionen in bilaterale Verhandlungen münden. Entscheidend ist der Ausgangspunkt: Wer hat den Deal initiiert — der Investor oder der Berater?

Für eine detaillierte Erklärung der Methoden lesen Sie unseren Leitfaden zum Thema Deals systematisch sourcen.

Der Datenvergleich: 5 Dimensionen

Die Unterschiede zwischen proprietärem Deal Flow und Auktionsprozessen lassen sich anhand von fünf Dimensionen quantifizieren. Die folgenden Werte basieren auf Markterfahrungen im DACH-Mittelstand für Transaktionen mit einem Enterprise Value zwischen 5 und 100 Millionen Euro:

DimensionProprietärer Deal FlowAuktionsprozess
Kaufpreis-Multiple (EBITDA)4–7× (typisch)6–10× (typisch)
WettbewerbBilateral (1:1)3–10 Bieter
Due-Diligence-Zeitraum8–16 Wochen4–8 Wochen
Abschlusswahrscheinlichkeit (nach LOI)25–40 %15–25 %
Kosten (Sourcing pro abgeschl. Deal)50.000–150.000 €Broker-Fee 2–5 %

Kaufpreis: Der offensichtlichste Vorteil proprietärer Deals. Ohne Bieterwettbewerb fehlt die Dynamik, die Kaufpreise in Auktionen systematisch nach oben treibt. Im DACH-Mittelstand liegt der Unterschied bei 1–3× EBITDA — bei einem Unternehmen mit 2 Millionen Euro EBITDA entspricht das einer Differenz von 2 bis 6 Millionen Euro. Aktuelle Bewertungsbandbreiten nach Branche finden Sie in unserer EBITDA-Multiple-Übersicht.

Due-Diligence-Zeitraum: In Auktionen steht der Käufer unter erheblichem Zeitdruck. Exklusivitätsphasen von 4 bis 8 Wochen sind die Norm. Proprietäre Deals erlauben eine gründlichere Prüfung, was insbesondere bei komplexen Unternehmensstrukturen und bei inhabergeführten Mittelständlern mit lückenhafter Dokumentation entscheidend ist.

Abschlusswahrscheinlichkeit: Die höhere Conversion Rate bei proprietären Deals erklärt sich durch den intensiveren Beziehungsaufbau vor dem LOI. Beide Parteien haben bereits ein tiefes Verständnis füreinander entwickelt. In Auktionen scheitern Transaktionen häufiger an der Due Diligence, an divergierenden Preisvorstellungen oder am Kulturfit — Risiken, die im proprietären Prozess früher adressiert werden.

Kosten: Proprietäres Sourcing erfordert Vorabinvestitionen in Personal, Datenbanken und Netzwerke. Die Gesamtkosten pro abgeschlossenem Deal liegen typischerweise bei 50.000 bis 150.000 Euro. Auktionsprozesse verursachen keine Sourcing-Kosten, dafür aber Broker-Fees von 2 bis 5 Prozent des Transaktionsvolumens — bei einem 30-Millionen-Euro-Deal sind das 600.000 bis 1,5 Millionen Euro.

Wann proprietäres Sourcing überlegen ist

Proprietärer Deal Flow entfaltet seine Stärke in spezifischen Konstellationen, die im DACH-Mittelstand besonders häufig vorkommen:

Buy-and-Build-Strategien: Wer eine Plattform durch serielle Zukäufe aufbaut, benötigt einen kontinuierlichen Strom qualifizierter Targets. In fragmentierten Branchen wie Industrieservices, IT-Services oder Gebäudetechnik existieren hunderte potenzielle Add-on-Targets — die meisten davon ohne aktive Verkaufsabsicht. Proprietäres Sourcing ist hier der einzige Weg, diese Targets systematisch zu erschließen.

Nischensektoren: In spezialisierten Branchen mit weniger als 200 relevanten Unternehmen im DACH-Raum gibt es schlicht nicht genug mandatierte Prozesse. Wer auf Auktionen wartet, verpasst 80 Prozent der Transaktionsmöglichkeiten. Systematisches Market Mapping und Direktansprache sind hier alternativlos.

Nachfolgesituationen: Inhabergeführte Unternehmer bevorzugen diskrete, vertrauensbasierte Prozesse. Viele Unternehmer lehnen einen strukturierten Auktionsprozess ab — aus Sorge um Vertraulichkeit gegenüber Mitarbeitern und Kunden. Proprietäre Ansprache respektiert diese Präferenz und öffnet Türen, die einem Auktionsprozess verschlossen blieben.

Kleinere Deals unter 20 Millionen Euro EV: Für M&A-Berater sind Transaktionen unter 20 Millionen Euro Enterprise Value häufig wirtschaftlich unattraktiv. Die Beraterhonorare rechtfertigen den Aufwand nicht. Das bedeutet: Die Mehrheit der KMU-Transaktionen im DACH-Raum findet ohne Intermediär statt — und ist nur über proprietäres Sourcing erreichbar.

Wann Auktionsprozesse sinnvoll sind

Auktionsprozesse haben ihre Berechtigung — und in bestimmten Situationen sind sie der proprietären Alternative sogar überlegen:

Größere Transaktionen über 50 Millionen Euro: Bei signifikantem Transaktionsvolumen rechtfertigt die Professionalisierung durch einen M&A-Berater den Aufwand. Die Vendor Due Diligence, das strukturierte Information Memorandum und der koordinierte Prozess schaffen Transparenz und Vertrauen auf beiden Seiten.

Carve-Outs und Konzernverkäufe: Wenn ein Großunternehmen einen Geschäftsbereich veräußert, ist ein strukturierter Prozess die Norm. Proprietärer Zugang ist hier selten möglich — die Entscheidung zum Verkauf fällt auf Vorstandsebene und wird über mandatierte Berater umgesetzt.

Zeitkritische Situationen: Wenn ein Investor schnell Kapital einsetzen muss — etwa gegen Ende einer Fondslaufzeit — bieten Auktionsprozesse den Vorteil der Geschwindigkeit. Der Prozess ist definiert, die Unterlagen liegen vor, und die Timeline steht fest. Proprietäre Deals erfordern dagegen einen längeren Vorlauf von 9 bis 18 Monaten.

Die optimale Strategie: Hybrid

Die erfolgreichsten Investoren im DACH-Raum verfolgen keine Entweder-oder-Strategie, sondern kombinieren beide Ansätze bewusst. Der Benchmark führender PE-Fonds: 60 bis 70 Prozent des Deal Flows sollten proprietär sein, 30 bis 40 Prozent vermittelt über Intermediäre.

Diese Gewichtung hat einen strategischen Grund: Proprietärer Deal Flow bildet das Fundament für attraktive Einstiegsbewertungen und langfristige Beziehungen. Auktionsprozesse ergänzen das Portfolio um Transaktionen, die proprietär nicht zugänglich wären — größere Deals, Konzernverkäufe, grenzüberschreitende Targets.

Die Umsetzung erfordert organisatorische Klarheit: Dedizierte Origination-Kapazität für den proprietären Anteil, parallele Pflege von Berater-Netzwerken für den vermittelten Anteil, und ein CRM-System, das beide Pipelines sauber abbildet. Fonds, die diesen hybriden Ansatz konsequent verfolgen, berichten von einer um 20 bis 30 Prozent höheren Portfolio-IRR gegenüber Fonds, die überwiegend auf Auktionen setzen.

Wie Sie proprietären Deal Flow systematisch aufbauen, erfahren Sie in unserem Leitfaden zum Thema proprietären Deal Flow aufbauen. Für Investoren, die ihre Origination-Kapazität erweitern möchten, bietet der SourcingClub eine skalierbare Lösung.

Fazit: Proprietärer Deal Flow ist kein Luxus

Proprietärer Deal Flow ist im heutigen DACH-M&A-Markt keine optionale Ergänzung, sondern eine Wettbewerbsnotwendigkeit. Die Zahlen sind eindeutig: bessere Kaufpreise, mehr Zeit für die Due Diligence, höhere Abschlusswahrscheinlichkeiten. Wer ausschließlich auf Auktionsprozesse setzt, akzeptiert systematisch höhere Einstiegsbewertungen und geringere Renditen. Die Investition in proprietäres Sourcing — sei es über ein internes Team oder über spezialisierte Partner — zahlt sich langfristig in der Portfolio-Performance aus.

Weiterführend: Proprietären Deal Flow aufbauen, Deals sourcen — Methoden und Tools und Was ist Deal Origination?.

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