Unternehmenswert berechnen: Die Faustformel erklärt
von Nick HerbigAktualisiert am Datenstand DUB KMU-Multiples Q3/2026
Welche Faustformel gilt für den Unternehmenswert?
Wie viel ist mein Unternehmen wert? Diese Frage stellen sich jährlich Tausende Mittelständler in Deutschland, Österreich und der Schweiz — etwa vor einer Nachfolgeregelung, beim Einstieg eines Investors oder bei der strategischen Planung. Die Faustformel liefert eine erste, marktnahe Antwort, ohne dass Sie einen Wirtschaftsprüfer beauftragen müssen.
Die Idee ist einfach: Sie nehmen den bereinigten operativen Gewinn Ihres Unternehmens und multiplizieren ihn mit einem branchenüblichen Faktor. Das Ergebnis ist eine realistische Bandbreite für den Unternehmenswert. In der Praxis hat sich diese Methode im Mittelstand durchgesetzt, weil sie nachvollziehbar ist, auf Marktdaten basiert und von Käuferseite akzeptiert wird.
Die Faustformel auf einen Blick
- EBIT: Gewinn vor Zinsen und Steuern (engl. Earnings Before Interest and Taxes)
- Branchenmultiple: Branchenüblicher Faktor, laut DUB KMU-Multiples Q2/2026 zwischen 3,2x und 11,4x EBIT
- Ergebnis: Enterprise Value (Gesamtunternehmenswert vor Abzug von Schulden)
Schritt für Schritt: So wenden Sie die Faustformel an
Schritt 1: EBIT ermitteln
Ausgangspunkt ist die Gewinn-und-Verlust-Rechnung (GuV) Ihres Unternehmens. Der EBIT (das Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern) zeigt, wie profitabel Ihr Kerngeschäft arbeitet, unabhängig von Finanzierungsstruktur und Steuergestaltung. Verwenden Sie den Durchschnitt der letzten drei Geschäftsjahre, um Schwankungen auszugleichen. Bei stark wachsenden Unternehmen kann alternativ der letzte Jahresabschluss oder eine Hochrechnung des laufenden Jahres herangezogen werden.
Beispiel: Ihr Unternehmen hat in den Jahren 2023, 2024 und 2025 EBIT-Werte von 350.000 €, 420.000 € und 430.000 € erzielt. Der Durchschnitt beträgt rund 400.000 €.
Schritt 2: EBIT bereinigen
Im Mittelstand ist der ausgewiesene EBIT selten der „wahre“ operative Gewinn. Typische Bereinigungsposten sind:
- Geschäftsführergehalt: Liegt das Inhabergehalt unter dem Marktniveau, wird die Differenz abgezogen. Liegt es darüber, wird der Überschuss hinzugerechnet. Marktgemäß sind im Mittelstand 120.000 bis 180.000 € p. a.
- Einmaleffekte: Außerordentliche Erträge oder Aufwendungen (z. B. Rechtsstreitigkeiten, Versicherungsleistungen, Restrukturierungskosten) werden herausgerechnet.
- Private Nutzung: Firmenwagen, Immobilienmieten an den Inhaber und andere verdeckte Gewinnausschüttungen werden marktgerecht angepasst.
- Nicht betriebsnotwendige Aufwendungen: Sponsoring, übertarifliche Familiengehälter oder einmalige Investitionsprojekte.
Eine ausführliche Anleitung mit Checkliste finden Sie in unserem Beitrag zur EBITDA-Bereinigung und Normalisierung.
Schritt 3: Branchenmultiple finden
Der Multiple (Bewertungsfaktor) spiegelt wider, wie der Markt die Erträge einer bestimmten Branche bewertet. Je höher das Wachstum, die Wiederkehr der Umsätze und die Skalierbarkeit, desto höher der Multiple. Nachfolgend die fünf häufigsten Branchen im DACH-Mittelstand:
| Branche | Min | Mittelpunkt | Max |
|---|---|---|---|
| Softwareentwicklung & SaaS | 6,1x | 8,7x | 11,3x |
| IT-Services & Managed Services | 5,3x | 8,3x | 11,2x |
| Maschinenbau & Anlagenbau | 4,2x | 6,5x | 8,8x |
| Handwerk & Baugewerbe | 4,4x | 6,1x | 7,7x |
| Nahrungs- & Genussmittel | 4,5x | 6,6x | 8,6x |
EBIT-Multiples für KMU im DACH-Raum von Micro bis Mid Cap, Mittelpunkt der Spanne. Datengrundlage: DUB KMU-Multiples, Stand Q2/2026, Aufbereitung SourcingClub. Alle 20 Branchen nach Größenklasse: EBITDA-Multiples DACH 2026
Schritt 4: Multiplizieren und Korridor interpretieren
Multiplizieren Sie den bereinigten EBIT mit dem unteren Wert, dem Mittelpunkt und dem oberen Wert der Spanne Ihrer Branche. So erhalten Sie eine Bewertungsbandbreite. Der Mittelpunkt ist ein guter Ankerwert. Der tatsächliche Kaufpreis hängt von weiteren Faktoren ab, etwa Marktposition, Kundenkonzentration, Management-Tiefe und Wettbewerb unter den Bietern. Das Ergebnis ist ein Enterprise Value. Um den Eigenkapitalwert zu ermitteln, ziehen Sie die Nettofinanzverbindlichkeiten ab und addieren überschüssige Liquidität.
Beispielrechnung: Handwerksunternehmen mit 400.000 € EBIT
Ein inhabergeführter Handwerksbetrieb in Norddeutschland mit 25 Mitarbeitern erzielt einen durchschnittlichen EBIT von 400.000 € nach Bereinigung. Das Geschäftsführergehalt wurde auf Marktniveau (150.000 €) normalisiert, ein einmaliger Versicherungsertrag von 60.000 € herausgerechnet.
Anwendung der Faustformel (Handwerk & Bau, Micro Cap unter 5 Mio. € Umsatz, EBIT-Multiples laut DUB Q2/2026):
| Szenario | Rechnung | Enterprise Value |
|---|---|---|
| Unterer Wert (4,4x) | 400.000 × 4,4 | 1.760.000 € |
| Mittelpunkt (4,95x) | 400.000 × 4,95 | 1.980.000 € |
| Oberer Wert (5,5x) | 400.000 × 5,5 | 2.200.000 € |
Die Faustformel ergibt somit eine Bandbreite von 1,8 bis 2,2 Millionen Euro, in der Mitte rund 2,0 Millionen Euro (Enterprise Value).
Vergleich mit dem Ertragswertverfahren
Zum Vergleich: Das vereinfachte Ertragswertverfahren nach Bewertungsgesetz würde bei einem Kapitalisierungsfaktor von 13,75 (Basiszins 2026: ca. 2,5 %, Risikozuschlag 4,5 %) und einem bereinigten Jahresertrag von 400.000 € einen Wert von rund 5.500.000 € ergeben. Diese deutliche Abweichung zeigt, warum das Finanzamt-Verfahren im Marktkontext selten den tatsächlich erzielbaren Kaufpreis widerspiegelt. Die Faustformel orientiert sich dagegen an publizierten Branchenmultiples (DUB KMU-Multiples) und liefert damit eine praxisnähere Einschätzung.
Wann stößt die Faustformel an ihre Grenzen?
Die Faustformel ist ein hervorragendes Werkzeug für eine erste Orientierung. In bestimmten Konstellationen greift sie jedoch zu kurz:
Substanzintensive Unternehmen
Bei Unternehmen mit hohem Sachanlagevermögen, etwa Immobilien, Fuhrpark oder Maschinenpark, kann der Substanzwert den ertragswertbasierten Unternehmenswert übersteigen. In diesen Fällen bildet die Faustformel den tatsächlichen Wert nur unvollständig ab. Eine ergänzende Substanzwertbetrachtung ist dann sinnvoll.
Schnell wachsende Unternehmen
Unternehmen mit einem jährlichen Umsatzwachstum von über 20 % werden am Markt deutlich höher bewertet als der historische EBIT vermuten lässt. Hier greifen zukunftsorientierte Methoden wie die Discounted-Cashflow-Bewertung besser, da sie künftige Zahlungsströme abbilden.
Hohe Inhaberabhängigkeit
Wenn der Erfolg des Unternehmens maßgeblich am Inhaber hängt, etwa bei Beratungen, Arztpraxen oder spezialisierten Dienstleistern, ist das Übertragungsrisiko hoch. Käufer werden einen Abschlag verlangen, der über die reine Bereinigung des Geschäftsführergehalts hinausgeht. Die Faustformel berücksichtigt diesen Abschlag nicht systematisch.
Verlustunternehmen oder Turnaround-Situationen
Bei negativem EBIT funktioniert die Multiplikation nicht. Hier werden Umsatzmultiples, Substanzwerte oder Liquidationswertansätze herangezogen. Verschiedene Szenarien bildet mein Unternehmenswertrechner ab.
Alternative Methoden zur Unternehmensbewertung
Die Faustformel ist ein Spezialfall des Multiplikatorverfahrens. Daneben gibt es drei weitere gängige Bewertungsansätze, die je nach Situation besser geeignet sein können:
- Ertragswertverfahren: Bewertet das Unternehmen anhand künftiger, nachhaltiger Erträge. In Deutschland das Standardverfahren für steuerliche Bewertungen und bei Wirtschaftsprüfern verbreitet. Es basiert auf dem kapitalisierten Reinertrag und berücksichtigt einen risikogerechten Abzinsungssatz.
- Discounted-Cashflow-Verfahren (DCF): Gilt als theoretisch fundierteste Methode. Künftige freie Zahlungsströme werden auf den heutigen Zeitpunkt abgezinst. Besonders geeignet für wachstumsstarke Unternehmen und bei Investorengesprächen. Mehr dazu in unserem Leitfaden zur DCF-Bewertung im Mittelstand.
- Substanzwertverfahren: Ermittelt den Wiederbeschaffungswert aller Vermögensgegenstände abzüglich der Schulden. Relevant bei substanzintensiven Unternehmen oder als Wertuntergrenze.
Einen ausführlichen Vergleich aller Methoden mit Entscheidungshilfe finden Sie auf unserer Seite Unternehmensbewertung: Methoden im Vergleich. Praktische Rechenvorlagen zum Herunterladen stellt unser Excel-Vorlagen-Bereich bereit.
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Die Inhalte dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine Steuerberatung, Rechtsberatung oder Wirtschaftsprüfung im Sinne des Steuerberatungsgesetzes (StBerG) dar. Die Darstellung ersetzt insbesondere nicht die individuelle Beratung durch einen Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Rechtsanwalt.
Keine Gewähr für Richtigkeit und Aktualität: Alle Angaben, insbesondere zu Branchenmultiples, EBIT-Werten, Bewertungsbandbreiten und Kapitalisierungsfaktoren, sind unverbindliche Richtwerte auf Basis der DUB KMU-Multiples (EBIT, Stand: Q2/2026). Multiples unterliegen Marktschwankungen und können sich jederzeit ändern. Eine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird nicht übernommen.
Beispielrechnungen sind vereinfachte Darstellungen zu Illustrationszwecken. Sie berücksichtigen nicht alle bewertungsrelevanten Faktoren Ihres Einzelfalls (z. B. Nettofinanzverbindlichkeiten, Pensionsrückstellungen, Sonderwerte, steuerliche Verhältnisse). Die Faustformel ist eine Näherungsmethode und kein Ersatz für eine professionelle Unternehmensbewertung.
Für verbindliche Bewertungen — insbesondere bei Unternehmensverkauf, Nachfolgeregelung, Schenkung, Erbschaft oder Gesellschafterstreitigkeiten — empfehlen wir die Beauftragung eines öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen, Wirtschaftsprüfers oder eines auf Unternehmensbewertung spezialisierten M&A-Beraters.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die Faustformel für den Unternehmenswert?
Die Faustformel lautet: Unternehmenswert = Bereinigter EBIT x Branchenmultiple. Sie ist die am häufigsten verwendete Näherungsmethode im Mittelstand, um den Wert eines Unternehmens schnell und nachvollziehbar einzuschätzen. Der EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) wird zunächst um einmalige und inhaberbezogene Posten bereinigt und dann mit einem branchenüblichen Faktor multipliziert. Das Ergebnis liefert eine marktnahe Bandbreite für den Enterprise Value.
Welchen Multiple hat meine Branche?
Die Branchenmultiples variieren im DACH-Raum erheblich. Laut DUB KMU-Multiples Q2/2026 (EBIT, je nach Größe, Aufbereitung SourcingClub) liegen Software und SaaS bei 6,1x bis 11,3x, IT-Services bei 5,3x bis 11,2x, Healthcare bei 6,0x bis 11,4x, Maschinenbau bei 4,2x bis 8,8x und Handwerk bei 4,4x bis 7,7x. Alle 20 Branchen stehen in meiner Übersicht unter dealorigination.de/ebitda-multiples-dach.
Ist die Faustformel für das Finanzamt geeignet?
Nein. Das Finanzamt verwendet zur steuerlichen Bewertung das sogenannte vereinfachte Ertragswertverfahren nach Paragraf 199 ff. BewG. Dieses Verfahren basiert auf dem durchschnittlichen Jahresertrag der letzten drei Jahre, multipliziert mit einem gesetzlich festgelegten Kapitalisierungsfaktor. Die Faustformel mit Branchenmultiples ist eine marktwirtschaftliche Bewertung und wird vom Finanzamt nicht anerkannt. Für steuerliche Zwecke, etwa bei Schenkung oder Erbschaft, sollten Sie einen Steuerberater hinzuziehen.
Wo finde ich aktuelle EBIT-Multiples?
Aktuelle EBIT- und EBITDA-Multiples für den DACH-Mittelstand stehen in meiner kostenfreien Branchenübersicht unter dealorigination.de/ebitda-multiples-dach. Datengrundlage sind die DUB KMU-Multiples (dub.de/kmu-multiples), aufbereitet von SourcingClub, sie decken 20 Branchen ab. Eine individuelle Einschätzung liefert mein Unternehmenswertrechner unter dealorigination.de/unternehmenswert.
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