Unternehmenswert berechnen: Die Faustformel erklaert
Wie viel ist mein Unternehmen wert? Diese Frage stellen sich jaehrlich Tausende Mittelstaendler in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz — etwa vor einer Nachfolgeregelung, beim Einstieg eines Investors oder bei der strategischen Planung. Die Faustformel liefert eine erste, marktnahe Antwort, ohne dass Sie einen Wirtschaftspruefer beauftragen muessen.
Die Idee ist einfach: Sie nehmen den bereinigten operativen Gewinn Ihres Unternehmens und multiplizieren ihn mit einem branchenueblichen Faktor. Das Ergebnis ist eine realistische Bandbreite fuer den Unternehmenswert. In der Praxis hat sich diese Methode im Mittelstand durchgesetzt, weil sie nachvollziehbar ist, auf Marktdaten basiert und von Kaeuferseite akzeptiert wird.
Die Faustformel auf einen Blick
- EBIT: Gewinn vor Zinsen und Steuern (engl. Earnings Before Interest and Taxes)
- Branchenmultiple: Branchenueblicher Faktor, typischerweise zwischen 3x und 10x
- Ergebnis: Enterprise Value (Gesamtunternehmenswert vor Abzug von Schulden)
Schritt fuer Schritt: So wenden Sie die Faustformel an
Schritt 1: EBIT ermitteln
Ausgangspunkt ist die Gewinn-und-Verlust-Rechnung (GuV) Ihres Unternehmens. Der EBIT — das Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern — zeigt, wie profitabel Ihr Kerngeschaeft arbeitet, unabhaengig von Finanzierungsstruktur und Steuergestaltung. Verwenden Sie den Durchschnitt der letzten drei Geschaeftsjahre, um Schwankungen auszugleichen. Bei stark wachsenden Unternehmen kann alternativ der letzte Jahresabschluss oder eine Hochrechnung des laufenden Jahres herangezogen werden.
Beispiel: Ihr Unternehmen hat in den Jahren 2023, 2024 und 2025 EBIT-Werte von 350.000 €, 420.000 € und 430.000 € erzielt. Der Durchschnitt betraegt rund 400.000 €.
Schritt 2: EBIT bereinigen
Im Mittelstand ist der ausgewiesene EBIT selten der „wahre“ operative Gewinn. Typische Bereinigungsposten sind:
- Geschaeftsfuehrergehalt: Liegt das Inhabergehalt unter dem Marktniveau, wird die Differenz abgezogen. Liegt es darueber, wird der Ueberschuss hinzugerechnet. Marktgemaess sind im Mittelstand 120.000 bis 180.000 € p. a.
- Einmaleffekte: Ausserordentliche Ertraege oder Aufwendungen (z. B. Rechtsstreitigkeiten, Versicherungsleistungen, Restrukturierungskosten) werden herausgerechnet.
- Private Nutzung: Firmenwagen, Immobilienmieten an den Inhaber und andere verdeckte Gewinnausschuettungen werden marktgerecht angepasst.
- Nicht betriebsnotwendige Aufwendungen: Sponsoring, uebertarifliche Familiengehaelter oder einmalige Investitionsprojekte.
Eine ausfuehrliche Anleitung mit Checkliste finden Sie in unserem Beitrag zur EBITDA-Bereinigung und Normalisierung.
Schritt 3: Branchenmultiple finden
Der Multiple (Bewertungsfaktor) spiegelt wider, wie der Markt die Ertraege einer bestimmten Branche bewertet. Je hoeher das Wachstum, die Wiederkehr der Umsaetze und die Skalierbarkeit, desto hoeher der Multiple. Nachfolgend die fuenf haeufigsten Branchen im DACH-Mittelstand:
| Branche | Min | Median | Max |
|---|---|---|---|
| Software & SaaS | 6.0x | 9.0x | 14.0x |
| IT-Services | 5.0x | 7.0x | 10.0x |
| Maschinenbau | 4.0x | 5.7x | 8.0x |
| Handwerk & Bau | 3.0x | 4.5x | 6.0x |
| Gastronomie & Lebensmittel | 2.5x | 4.0x | 5.5x |
EBIT-Multiples fuer KMU im DACH-Raum, Stand Q1 2026. Vollstaendige Tabelle mit 16 Branchen: EBITDA-Multiples DACH 2026
Schritt 4: Multiplizieren und Korridor interpretieren
Multiplizieren Sie den bereinigten EBIT mit dem Minimum-, Median- und Maximum-Multiple Ihrer Branche. So erhalten Sie eine Bewertungsbandbreite. Der Median ist der wahrscheinlichste Wert; der tatsaechliche Kaufpreis haengt von weiteren Faktoren ab — etwa Marktposition, Kundenkonzentration, Management-Tiefe und Wettbewerb unter den Bietern. Das Ergebnis ist ein Enterprise Value. Um den Eigenkapitalwert zu ermitteln, ziehen Sie die Nettofinanzverbindlichkeiten ab und addieren ueberschuessige Liquiditaet.
Beispielrechnung: Handwerksunternehmen mit 400.000 € EBIT
Ein inhabergefuehrter Handwerksbetrieb in Norddeutschland mit 25 Mitarbeitern erzielt einen durchschnittlichen EBIT von 400.000 € nach Bereinigung. Das Geschaeftsfuehrergehalt wurde auf Marktniveau (150.000 €) normalisiert, ein einmaliger Versicherungsertrag von 60.000 € herausgerechnet.
Anwendung der Faustformel (Branche: Handwerk & Bau):
| Szenario | Rechnung | Enterprise Value |
|---|---|---|
| Minimum (3,0x) | 400.000 × 3,0 | 1.200.000 € |
| Median (4,5x) | 400.000 × 4,5 | 1.800.000 € |
| Maximum (6,0x) | 400.000 × 6,0 | 2.400.000 € |
Die Faustformel ergibt somit eine Bandbreite von 1,2 bis 2,4 Millionen Euro, mit einem wahrscheinlichsten Wert von rund 1,8 Millionen Euro (Enterprise Value).
Vergleich mit dem Ertragswertverfahren
Zum Vergleich: Das vereinfachte Ertragswertverfahren nach Bewertungsgesetz wuerde bei einem Kapitalisierungsfaktor von 13,75 (Basiszins 2026: ca. 2,5 %, Risikozuschlag 4,5 %) und einem bereinigten Jahresertrag von 400.000 € einen Wert von rund 5.500.000 € ergeben. Diese deutliche Abweichung zeigt, warum das Finanzamt-Verfahren im Marktkontext selten den tatsaechlich erzielbaren Kaufpreis widerspiegelt. Die Faustformel orientiert sich dagegen an realen Transaktionsdaten und liefert damit eine praxisnaehere Einschaetzung.
Wann stoesst die Faustformel an ihre Grenzen?
Die Faustformel ist ein hervorragendes Werkzeug fuer eine erste Orientierung. In bestimmten Konstellationen greift sie jedoch zu kurz:
Substanzintensive Unternehmen
Bei Unternehmen mit hohem Sachanlagevermoegen — etwa Immobilien, Fuhrpark oder Maschinenpark — kann der Substanzwert den ertragswertbasierten Unternehmenswert uebersteigen. In diesen Faellen bildet die Faustformel den tatsaechlichen Wert nur unvollstaendig ab. Eine ergaenzende Substanzwertbetrachtung ist dann sinnvoll.
Schnell wachsende Unternehmen
Unternehmen mit einem jaehrlichen Umsatzwachstum von ueber 20 % werden am Markt deutlich hoeher bewertet als der historische EBIT vermuten laesst. Hier greifen zukunftsorientierte Methoden wie die Discounted-Cashflow-Bewertung besser, da sie kuenftige Zahlungsstroeme abbilden.
Hohe Inhaberabhaengigkeit
Wenn der Erfolg des Unternehmens massgeblich am Inhaber haengt — etwa bei Beratungen, Arztpraxen oder spezialisierten Dienstleistern — ist das Uebertragungsrisiko hoch. Kaeufer werden einen Abschlag verlangen, der ueber die reine Bereinigung des Geschaeftsfuehrergehalts hinausgeht. Die Faustformel beruecksichtigt diesen Abschlag nicht systematisch.
Verlustunternehmen oder Turnaround-Situationen
Bei negativem EBIT funktioniert die Multiplikation nicht. Hier werden Umsatzmultiples, Substanzwerte oder Liquidationswertansaetze herangezogen. Fuer eine differenzierte Einschaetzung nutzen Sie unseren Unternehmenswertrechner, der verschiedene Szenarien abbildet.
Alternative Methoden zur Unternehmensbewertung
Die Faustformel ist ein Spezialfall des Multiplikatorverfahrens. Daneben gibt es drei weitere gaengige Bewertungsansaetze, die je nach Situation besser geeignet sein koennen:
- Ertragswertverfahren: Bewertet das Unternehmen anhand kuenftiger, nachhaltiger Ertraege. In Deutschland das Standardverfahren fuer steuerliche Bewertungen und bei Wirtschaftspruefern verbreitet. Es basiert auf dem kapitalisierten Reinertrag und beruecksichtigt einen risikogerechten Abzinsungssatz.
- Discounted-Cashflow-Verfahren (DCF): Gilt als theoretisch fundierteste Methode. Kuenftige freie Zahlungsstroeme werden auf den heutigen Zeitpunkt abgezinst. Besonders geeignet fuer wachstumsstarke Unternehmen und bei Investorengespraechen. Mehr dazu in unserem Leitfaden zur DCF-Bewertung im Mittelstand.
- Substanzwertverfahren: Ermittelt den Wiederbeschaffungswert aller Vermoegensgegenstande abzueglich der Schulden. Relevant bei substanzintensiven Unternehmen oder als Wertuntergrenze.
Einen ausfuehrlichen Vergleich aller Methoden mit Entscheidungshilfe finden Sie auf unserer Seite Unternehmensbewertung: Methoden im Vergleich. Praktische Rechenvorlagen zum Herunterladen stellt unser Excel-Vorlagen-Bereich bereit.
Rechtlicher Hinweis
Die Inhalte dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine Steuerberatung, Rechtsberatung oder Wirtschaftsprüfung im Sinne des Steuerberatungsgesetzes (StBerG) dar. Die Darstellung ersetzt insbesondere nicht die individuelle Beratung durch einen Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Rechtsanwalt.
Keine Gewähr für Richtigkeit und Aktualität: Alle Angaben — insbesondere zu Branchenmultiples, EBIT-Werten, Bewertungsbandbreiten und Kapitalisierungsfaktoren — sind unverbindliche Richtwerte auf Basis öffentlich zugänglicher Transaktionsdaten (Stand: Q1 2026). Multiples unterliegen Marktschwankungen und können sich jederzeit ändern. Eine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird nicht übernommen.
Beispielrechnungen sind vereinfachte Darstellungen zu Illustrationszwecken. Sie berücksichtigen nicht alle bewertungsrelevanten Faktoren Ihres Einzelfalls (z. B. Nettofinanzverbindlichkeiten, Pensionsrückstellungen, Sonderwerte, steuerliche Verhältnisse). Die Faustformel ist eine Näherungsmethode und kein Ersatz für eine professionelle Unternehmensbewertung.
Für verbindliche Bewertungen — insbesondere bei Unternehmensverkauf, Nachfolgeregelung, Schenkung, Erbschaft oder Gesellschafterstreitigkeiten — empfehlen wir die Beauftragung eines öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen, Wirtschaftsprüfers oder eines auf Unternehmensbewertung spezialisierten M&A-Beraters.
Haeufig gestellte Fragen
Was ist die Faustformel fuer den Unternehmenswert?
Die Faustformel lautet: Unternehmenswert = Bereinigter EBIT x Branchenmultiple. Sie ist die am haeufigsten verwendete Naeherungsmethode im Mittelstand, um den Wert eines Unternehmens schnell und nachvollziehbar einzuschaetzen. Der EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) wird zunaechst um einmalige und inhaberbezogene Posten bereinigt und dann mit einem branchenueblichen Faktor multipliziert. Das Ergebnis liefert eine marktnahe Bandbreite fuer den Enterprise Value.
Welchen Multiple hat meine Branche?
Die Branchenmultiples variieren im DACH-Raum erheblich: Software und SaaS liegen bei 6,0x bis 14,0x, IT-Services bei 5,0x bis 10,0x, Healthcare bei 5,0x bis 10,0x, Maschinenbau bei 4,0x bis 8,0x und Handwerk bei 3,0x bis 6,0x (jeweils EBIT-Multiples, Stand 2026). Eine vollstaendige Uebersicht fuer 16 Branchen finden Sie in unserer EBITDA-Multiples-Tabelle unter dealorigination.de/ebitda-multiples-dach.
Ist die Faustformel fuer das Finanzamt geeignet?
Nein. Das Finanzamt verwendet zur steuerlichen Bewertung das sogenannte vereinfachte Ertragswertverfahren nach Paragraf 199 ff. BewG. Dieses Verfahren basiert auf dem durchschnittlichen Jahresertrag der letzten drei Jahre, multipliziert mit einem gesetzlich festgelegten Kapitalisierungsfaktor. Die Faustformel mit Branchenmultiples ist eine marktwirtschaftliche Bewertung und wird vom Finanzamt nicht anerkannt. Fuer steuerliche Zwecke, etwa bei Schenkung oder Erbschaft, sollten Sie einen Steuerberater hinzuziehen.
Wo finde ich aktuelle EBIT-Multiples?
Aktuelle EBIT- und EBITDA-Multiples fuer den DACH-Mittelstand finden Sie in unserer kostenfreien Branchenuebersicht unter dealorigination.de/ebitda-multiples-dach. Die Daten basieren auf einer Aggregation oeffentlich zugaenglicher Transaktionsdaten und decken 16 Branchen ab. Fuer eine individuelle Einschaetzung koennen Sie unseren Unternehmenswertrechner unter dealorigination.de/unternehmenswert nutzen.
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