PE-Portfolio-Stress 2026: Warum die Insolvenzwelle neue Deal-Chancen schafft
Die Insolvenzwelle bei PE-finanzierten Unternehmen erreicht 2026 einen Höchststand im DACH-Raum. Welche Risiken und Chancen sich für Deal Origination ergeben.
Die Schattenseite des Leveraged-Buyout-Booms
Die Private-Equity-Branche im DACH-Raum steht 2026 vor einer unbequemen Realität: Die Zahl der Insolvenzen PE-finanzierter Unternehmen hat ein Rekordniveau erreicht. Nach Daten von Reorg Research stiegen die Insolvenzen von PE-Portfoliounternehmen in Deutschland zwischen 2023 und 2025 um über 80 %. 2026 setzt sich dieser Trend fort – mit weitreichenden Implikationen für den gesamten M&A-Markt.
Die Ursachen sind vielschichtig: hochleverte Akquisitionen aus den Niedrigzinsjahren 2019–2022, die auf ein fundamental verändertes Zinsumfeld treffen. Refinanzierungskosten, die sich verdoppelt oder verdreifacht haben. Operatives Underperformance in einem konjunkturell schwachen Umfeld. Und in einigen Fällen schlicht überhöhte Einstiegsbewertungen, die auch bei optimistischer Entwicklung keine ausreichende Rendite ermöglicht hätten.
Anatomie einer PE-Insolvenz im Mittelstand
Die typische Insolvenz eines PE-finanzierten Mittelständlers folgt einem vorhersehbaren Muster:
Phase 1 – Covenant Breach (Monate 0–6): Das Unternehmen reißt finanzielle Kennzahlen (Covenants) im Kreditvertrag. Der Leverage-Ratio (Net Debt / EBITDA) übersteigt den vertraglich vereinbarten Schwellenwert, häufig durch eine Kombination aus gesunkenem EBITDA und gestiegenen Zinskosten.
Phase 2 – Verhandlung & Stillhaltevereinbarung (Monate 6–12): PE-Fonds und Kreditgeber verhandeln über Covenant-Waivers, zusätzliches Eigenkapital oder eine Umstrukturierung der Finanzierung. In dieser Phase werden häufig erste Carve-Out-Überlegungen angestellt.
Phase 3 – Eigenverwaltung oder Insolvenzantrag (Monate 12–18): Scheitern die Verhandlungen, folgt ein Insolvenzantrag – im besten Fall in Eigenverwaltung nach § 270a InsO, die eine geordnete Sanierung oder einen Verkauf ermöglicht.
Phase 4 – Distressed M&A (Monate 12–24): Das Unternehmen oder einzelne Geschäftsbereiche werden im Rahmen eines strukturierten Prozesses veräußert – oft zu deutlich reduzierten Bewertungsmultiples.
Marktdaten 2026: Die durchschnittliche Leverage-Ratio deutscher PE-Portfoliounternehmen lag im Q1 2026 bei 5,8× EBITDA – deutlich über dem langfristigen Durchschnitt von 4,2×. Rund 15 % der zwischen 2020 und 2022 durchgeführten Leveraged Buyouts im DACH-Raum weisen nach Schätzungen von Houlihan Lokey eine Refinanzierungslücke auf.
Drei Chancen-Kategorien für Deal Origination
Die aktuelle Marktsituation eröffnet für disziplinierte Investoren drei distinkte Chancen-Kategorien:
1. Sekundär-Transaktionen unter Druck
PE-Fonds, deren Halteperiode ausläuft (typischerweise 5–7 Jahre nach Erstinvestition), stehen unter erhöhtem Realisierungsdruck. Die Vintage-Jahre 2019–2021 erreichen 2026–2028 das Ende der regulären Fondslaufzeit. Viele dieser Portfoliounternehmen konnten aufgrund der Marktverwerfungen 2023–2025 nicht zum geplanten Zeitpunkt und nicht zur geplanten Bewertung veräußert werden.
Deal-Origination-Implikation: Systematisches Screening von PE-Portfolios nach Unternehmen mit:
- Fondslaufzeit-Ende in den nächsten 12–24 Monaten
- Underperformance gegenüber dem ursprünglichen Business Plan
- Mehrfach verschobenen Exit-Zeitpunkten
Diese Situation ermöglicht proprietäre Direktansprachen, die auf eine schnelle, diskrete Transaktion abzielen – ein Kerngebiet professioneller Deal Origination.
2. Carve-Outs aus gestressten Plattformen
Buy-and-Build-Plattformen, die in Schieflage geraten, enthalten oft einzelne Geschäftsbereiche oder Tochtergesellschaften, die isoliert betrachtet profitabel und wachstumsstark sind. Für fokussierte Käufer bieten Carve-Outs attraktive Einstiegsmöglichkeiten:
- Bewertungsabschläge: Carve-Outs aus Distressed-Situationen werden typischerweise 30–50 % unter dem Stand-alone-Wert gehandelt
- Operative Qualität: Die Geschäftseinheit selbst kann operativ gesund sein – die Probleme liegen auf Holdinggesellschafts-Ebene
- Schnelle Handlungsfähigkeit: Insolvenzverwalter bevorzugen Käufer, die schnell und verbindlich handeln können
3. Nachfolge-Deals mit PE-Bezug
Eine besondere Kategorie betrifft Mittelständler, die vor wenigen Jahren als Add-on von einer PE-Plattform akquiriert wurden und nun im Rahmen einer Restrukturierung wieder eigenständig werden. Diese Unternehmen suchen häufig einen neuen Eigentümer, der langfristiger denkt als der vorige PE-Investor.
Für Unternehmer, die vor der Nachfolge stehen, ist dieser Kontext relevant: Die Erfahrungen mit gescheiterten PE-Übernahmen prägen die Erwartungen des Mittelstands und erfordern eine besonders vertrauensbasierte Ansprache.
Sektorale Hotspots der PE-Krise
Die PE-Insolvenzwelle trifft nicht alle Sektoren gleichermaßen. Besonders betroffen sind:
Einzelhandel & E-Commerce: Hochleverte Plattformen, die auf Wachstum spekuliert haben und nun unter dem veränderten Konsumverhalten leiden.
Gastronomie & Hospitality: Post-COVID-Refinanzierungslücken kombiniert mit gestiegenen Energiekosten.
Automotive-Zulieferer: Transformationsdruck durch Elektromobilität bei gleichzeitig hoher Verschuldung.
Weniger betroffen – und damit attraktiv für antizyklische Investitionen – sind die Sektoren, die auch in der aktuellen Phase stabile Cashflows generieren: IT-Services (wiederkehrende Umsätze), Healthcare (demografiegetrieben), Gebäudetechnik (Energiewende) und Industrieservices (regulatorisch getrieben).
Distressed Deal Flow aufbauen
Erfahren Sie, wie der SourcingClub Sie bei der systematischen Deal Origination unterstützt.
Zum SourcingClub→Bewertungseffekte: Was PE-Stress für Multiples bedeutet
Die erhöhte Zahl von Distressed-Transaktionen beeinflusst das gesamte Bewertungsumfeld im DACH-Mittelstand:
| Transaktionstyp | Typisches Multiple (2024) | Typisches Multiple (2026) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Proprietäre Off-Market-Deals | 6–8× EBITDA | 6–9× EBITDA | Stabil bis leicht steigend |
| Auktionsprozesse (gesund) | 8–12× EBITDA | 7–10× EBITDA | Leicht sinkend |
| Secondary Buyouts (gestresst) | 7–9× EBITDA | 5–7× EBITDA | Deutlich sinkend |
| Distressed/Insolvenz-Deals | 3–5× EBITDA | 2–4× EBITDA | Auf historischem Tief |
Für Investoren, die in der aktuellen Phase proprietären Deal Flow aufbauen, ergeben sich außergewöhnliche Einstiegsbewertungen – vorausgesetzt, sie verfügen über die operative Kompetenz, gestresste Assets zu stabilisieren und weiterzuentwickeln.
Risikomanagement: Nicht jeder Distressed Deal ist ein guter Deal
Die Euphorie über günstige Einstiegsbewertungen muss durch diszipliniertes Risikomanagement ergänzt werden:
- Operative Due Diligence priorisieren: Bei Distressed-Targets ist die operative DD wichtiger als die finanzielle – das EBITDA der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator
- Management-Assessment: Ist das operative Management Teil des Problems oder der Lösung?
- Rechtliche Risiken: Insolvenzanfechtungsrisiken, Arbeitnehmerrechte bei Betriebsübergang (§ 613a BGB)
- Refinanzierungsplanung: Konservative Finanzierungsstruktur mit ausreichend Eigenkapital – die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen
Fazit: Antizyklisch handeln, aber mit Disziplin
Die PE-Insolvenzwelle 2026 ist ein Korrektiv für die Exzesse der Niedrigzinsphase. Für den DACH M&A-Markt insgesamt ist sie bereinigend – und für strategisch positionierte Investoren eine generationendefinierende Chance. Der Schlüssel liegt in der Kombination aus systematischer Deal Origination, konservativer Bewertung und operativer Exzellenz. Wer diese drei Elemente verbindet, kann aus der aktuellen Marktverwerfung langfristigen Wert schaffen.
Weiterführende Analysen: DACH M&A-Markt Ausblick 2027 und Bewertungsmultiples im DACH-Mittelstand 2026.
Häufig gestellte Fragen
Warum steigen die Insolvenzen bei PE-Portfoliounternehmen?
Drei Faktoren treiben die Insolvenzwelle: (1) Übermäßige Verschuldung aus der Niedrigzinsphase 2019–2022 (Leverage von 6–7× EBITDA), (2) gestiegene Zinskosten nach der EZB-Zinswende, die den Free Cashflow auffressen, und (3) operative Schwächen, die durch günstige Finanzierung überdeckt wurden. Besonders betroffen sind Unternehmen mit variabel verzinsten Krediten.
Welche Chancen bieten PE-Insolvenzen für Käufer?
Distressed-Situationen bieten drei Chancen: (1) Attraktive Bewertungen – Carve-Outs und Distressed Assets werden zu 3–5× EBITDA gehandelt, (2) weniger Wettbewerb – viele Investoren scheuen die Komplexität, (3) operative Substanz – die zugrundeliegenden Geschäftsmodelle sind oft intakt, nur die Finanzierungsstruktur ist überlastet. Erfolgreiche Distressed-Investoren kombinieren operatives Know-how mit Restrukturierungskompetenz.
Welche Sektoren sind von PE-Insolvenzen am stärksten betroffen?
Am stärksten betroffen sind: Retail und E-Commerce (Konsumzurückhaltung + hohe Verschuldung), Gastronomie-Ketten (Post-Covid + Kostensteigerungen), Automotive-Zulieferer (Transformationsdruck + Volumenrückgang) und überschuldete Healthcare-Plattformen (regulatorischer Druck + aggressive Buy-and-Build-Strategien). IT-Services und Industrieservices sind vergleichsweise stabil.